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Financial literacy – eine Utopie?

Ein Thema, das seit Ausbruch der Finanzkrise immer wieder diskutiert wird, ist das Finanzwissen bzw. die Finanzbildung der Kunden. Es folgten Studien, die belegen – no na – dass dieses nicht sehr stark ausgeprägt ist und schnell waren Aussagen zu hören, dass das ein Mitgrund dafür sei, dass Kunden Verluste erleiden, in Beratungsgesprächen nicht das ankam, was der Berater meinte, etc. Und manche Banken wurden aktiv. Aber wie sinnvoll ist das wirklich?

Eines vorweg. Natürlich ist es wünschenswert, wenn die Menschen Grundkenntnisse über das Funktionieren der Geldwirtschaft, über ihre finanziellen Chancen und Risiken und über die Funktionsweise von Bank- und Finanzprodukten hätten. Kein Thema. Wenn alle Menschen mit ihrem Geld umgehen könnten, sie selbst ihre Ziele und Wünsche formulieren könnten und Strategien entwickeln und umsetzen könnten, diese auch zu erreichen. Und wenn sie wüssten, wie Banken und zumindest die einfachen Bankprodukte funktionieren. Es wäre auch schön, wenn alle Menschen in Frieden zusammen leben würden, sich gegenseitig unterstützen würden, die Umwelt schonen würden,… Eine schöne Welt!

Zurück in die Realität

Die Realität sieht freilich anders aus. In einem Schulsystem, bei dem man froh sein muss, dass Lesen, Schreiben und Rechnen nach 9 Jahren Pflichtschule halbwegs funktioniert, kann man nicht erwarten, dass 15-jährige Finanzexperten die Schule verlassen. Klar, das Thema kann schon thematisiert werden, aber das dafür erforderliche Ausmaß sehe ich in Anbetracht der sonstigen Schulprobleme nicht gerechtfertigt. Und selbst wenn, wäre das wohl eine extrem langfristige Maßnahme, die alle jene nicht trifft, die nicht mehr in die Schule gehen.

Also denken sich manche Banken, selbst initiativ zu werden. Die ING DiBa Direktbank Austria hat beispielsweise die Website www.gutmitgeld.at initiiert, auf der in zahlreichen Artikeln die verschiensten Themen aufgearbeitet werden, Tipps gegeben werden, etc. Die Erste Bank setzt mehr auf Videos. Mit dem sparefroh und Rainer Münz, dem Leiter des Erste School Board. By the way: den Titel “Auf einen  Espresso mit Rainer Münz” und die Ähnlichkeit mit meinem finance-cafe-Blog nehme ich als Kompliment auf ;-) .

Ein Tropfen auf dem heißen Stein

Die Zugriffszahlen sprechen Bände. Gutmitgeld dürfte laut meiner wohlwollenden Schätzung so um die 10.000 Visits pro Monat (und noch weniger Unique Visitors) zählen und die Videos von Rainer Münz auf Youtube sind teilweise im einstelligen Bereich. Also eine spürbare Massenwirkung wird damit nicht erzielt werden. Wenn man es positiv sieht, kann die Bank damit vielleicht eine Imagewirkung erzielen, aber ich denke nicht mal das. Auch dafür ist die Reichweite einfach viel zu gering.

Warum ist das so? Auch wenn die Menschen in Umfragen behaupten, dass sie zu wenig Finanzknowhow haben und dieses durch Schule und vielleicht auch Banken erhöht werden sollte. Ich glaube nicht, dass sich eine spürbare Anzahl tatsächlich dazu aufraffen kann, diese Defizite zu beseitigen, sich Videos reinzuziehen, die noch immer zu viele Fachbegriffe beinhalten, und die man erst mal finden muss, bzw. gar unzählige Artikel durchzulesen. Die Erkenntnis, dass man zu wenig weiss, heißt noch nicht, dass man dagegen auch etwas tut. Also sollen andere Mal etwas tun, wie in den Umfragen auch zum Ausdruck kommt (Schule, Banken, etc.). Auch vor Internetplattformen hat es für Interessierte schon die Möglichkeit gegeben, sich über Finanzthemen und den Umgang mit Geld zu informieren. Über Magazine zum Beispiel, wie etwa das Gewinn-Magazin in Österreich. Klar, der Kauf kostet etwas, aber Tratsch-Zeitschriften kosten auch etwas. Und haben weit höhere Auflagen ;-)

Glaubwürdigkeit

Zudem bin ich der Meinung, dass Banken nicht die Richtigen für solche Initiativen sind, von der verpuffenden Wirkung und dem verschleuderten Geld mal abgesehen. Letztlich sind Banken nicht neutral, und auch wenn die ING DiBa behauptet, dass man die Plattform nicht für Werbung nutzt, passiert es doch wie dieses Beispiel zeigt. Die Erste Bank versucht’s erst gar nicht (klares Branding). Aber natürlich machen die das, um eine gute Stimmung für Ihr Institut zu machen. Machen wir uns nichts vor. Banken verdienen mit Finanzprodukten Geld und jeder weiß, dass die Bank am Ende Produkte verkaufen möchte. Eine neutrale, unabhängige Stellung kann die Bank also nicht einnehmen.

Außerdem sind Standpunkte in manchen öffentlichen Diskussionen auch fragwürdig, wodurch sich für mich auch die Legitimation solcher Initiativen im Nichts auflöst. Bei einer Veranstaltung letztes Jahr unter Bankern und Versicherern konnte man den Eindruck haben, dass die Kunden an allem Schuld sind, weil sie nichts verstehen. Aber wessen Verantwortung ist das denn? Muss ein Patient die Wirkung von Medikamenten verstehen, oder darf er sich auf den Arzt verlassen? Ich habe solche Meinungen jedenfalls als verdecktes Eingeständnis verstanden, dass man nichtmal den eigenen Vertrieb unter Kontrolle hat und einen Teil der Verantwortung auf die Kunden abschieben will. Wenn man das Problem so sieht, dann kann keine brauchbare Lösung entstehen. Und zurück zur Glaubwürdigkeit. Dem Arzt vertraue ich, weil sein Einkommen nicht davon abhängt, dass er mir möglichst viele Medikamente verschreibt, sondern weil er von mir oder der Krankenkasse ein Honorar bekommt (nun ja, ich hoffe jedenfalls, dass es nicht allzu viele schwarze Schafe unter den Ärzten gibt, die auch von den Pharmafirmen gesponsert werden, auf Urlaub fahren, etc.).

Falscher Ansatz

Ich bin jedenfalls der Meinung, dass das Bereitstellen von Informationen, die sich die Kunden erst recht wieder abholen müssen, der falsche Ansatz ist. Er erzielt weder eine Wirkung, weil es nur sehr eingeschränkt passiert, noch ist es für mich eine schlüssige Lösung für das Problem. Und wenn wir von Filialbanken sprechen, die ihre Positionierung in der Beratung suchen vs. kostengünstige Direktbanken, ist es noch dazu ein strategischer Blödsinn, in die Eigenständigkeit der Kunden auf diese Art zu investieren (was in diesem Fall wegen der fehlenden Wirkung aber egal ist). Dazu müsste man auch eine strukturelle Bindung ans Institut schaffen. Das Geld könnte man also weit besser verwenden.

Ich glaube aber nicht, dass financial literacy gänzlich eine Utopie ist. Die Unterstützung der Menschen muss vielmehr in den Kontext des Geldlebens und der Nutzung von Finanzprodukten eingebettet sein. Was ich meine, sprengt hier den Rahmen und alles kann ich ja hier auch nicht verraten ;-) . Aber ich kann das in einem persönlichen Gespräch gerne mal darlegen.

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Alexander Neumayer

About Alexander Neumayer

Als Stratege und Interimsmanager unterstütze ich Banken, Versicherungen und andere beim Finden und Beschreiten von "neuen Wegen zum Erfolg" durch neue strategische Positionierungen, Innovationen und neue sowie optimierte Produkte und Dienstleistungen. Gerne übernehme ich dabei auch Verantwortung in der Umsetzung. Auf finance-cafe.net verfolge ich Trends und Entwicklungen in der Banken- und Finanzbranche sowie in relevanten neuen Technologien und beschreibe die strategischen Auswirkungen auf die Branche, ebenso wie Entwicklungen bei Anbietern, Innovationen und Produkten.

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