Jetzt soll sie also kommen. Die NFC-Funktion wird von Payment Service Austria ab März 2013 auf allen neuen Maestro-Karten ausgerollt. Viele Jahre hat es gedauert, aber wer braucht eigentlich NFC-Zahlungskarten?
NFC (Near Field Communication) schwirrt seit gut 10 Jahren in den Hirnen von Zahlungsdienstleistern, Banken und Telekomunternehmen umher. Die Technologie kann beim besten Willen nicht mehr als neu bezeichnet werden, wurde in unzähligen Pilot- und Feldversuchen getestet, aber setzte sich bis heute kaum irgendwo wirklich durch. Von vielen bereits für tod erklärt, kommt es nun in Österreich zu einer flächendeckenden Ausstattung der Bankkunden mit dieser Technologie. Warum eigentlich?
Die strategische Seite
Die Ambitionen der Banken in Bezug auf NFC hielten sich lange in Grenzen. Viele Jahre sahen sie keine großen Potenziale, die den Investitionen und wohl auch höheren (Karten)-Kosten gegenüber stehen. Einzig auf Kleinstzahlungen wurde immer wieder verwiesen, welche nur durch “berührungslose” Alternativen vom Bargeld zur Karte gebracht werden können.
Auf der anderen Seite ist die strategische Ausgangslage doch einigermaßen kritisch für Banken. In Wirklichkeit ist NFC und damit die Berührungslosigkeit die einzige Möglichkeit, um das dumme Stück Plastik auf Sicht strategisch irgendwie im Rennen zu halten. Zu unterlegen ist diese “Technologie” gegenüber dem Smartphone, das viel mehr Möglichkeiten bietet. Meiner Meinung kann diese Strategie jedoch nur aufschiebenden Charakter haben. Zahlungskarten aus Plastik werden über kurz oder lang massiv an Nutzung verlieren. Sie haben vor 15, 20 Jahren die Schecks (zumindest in unseren Breitengraden) ersetzt und werden in den nächsten 5 bis 10 Jahren eben von Zahlungsdiensten via Smartphone ersetzt werden (oder bleiben höchstens als Backup). So ist das eben in der freien Wildbahn.
Auch wenn wir heute (speziell in Österreich) noch nicht viel davon spüren, wird sich das Smartphone gegenüber Plastikkarten spielend durchsetzen. Warum? 1. Weil man es immer mit dabei hat. 2. und noch wichtiger: weil sie eben smart sind und man mit ihnen wesentlich mehr anstellen kann, mehr Informationen bieten kann, mehr Funktionalität vor- während und nach dem Zahlungsprozess anbieten kann, sie ortsabhängig etwas tun oder lassen können, uvm. Dinge, die eine Karte nie können wird und wozu auch, wenn jeder schon ein Smartphone hat?
Banken und Zahlungsdienstleister haben da natürlich ein gewisses Problem. Nachdem sie sich an NFC und am EMV-Standard festgebissen haben, sind sie auf Hardware-Hersteller und Mobilfunk-Unternehmen (Mobile Network Operator) angewiesen. Mit letzteren, die auch einen Anteil an Kuchen der Zahlungen wollen, konnte man sich (bisher) nicht einigen (Anmerkung: kein Wunder). Und die Hardware-Hersteller pfeifen den Banken zum Teil etwas. Vielleicht wäre NFC schon das “next big thing”, wenn es Apple in den iPhones unterstützen würde. Aber das weiß auch Apple und offensichtlich gibt es noch keinen Grund für Apple, diesen Trumpf aus der Hand zu geben. Je länger Apple als bevorzugter Supplier zahlungskräftiger Kunden NFC verweigert, desto schwieriger wird es NFC auch in Zukunft haben, vom Boden der Realität abzuheben. So bleibt den Banken eben nur die dumme Plastikkarte mit einem NFC-Chip auszustatten und zu hoffen, dass man damit das Feld der berührungslosen Zahlungen irgendwie besetzen kann.
Ob das gelingen wird ist fraglich. Die NFC-Verweigerung von Apple schafft ein Chancenfenster für andere: etablierte Anbieter wie Google, aber auch für Newcomer und Startups. Mittlerweile gibt es weltweit einen regelrechten Zoo an Zahlungsmöglichkeiten mit dem Handy. Die Killer-Applikation zeichnet sich zwar noch nicht konkret ab, aber das bisherige NFC-Fiasko ermöglicht zumindest, das diese Initiativen nicht völlig chancenlos sind.
Wie sieht’s mit dem Kundennutzen aus?
Bei allem was ich zu dem Thema in den letzten Jahren in Erfahrung brachte und in Projekten (z.B. Fokusgruppen) zum Teil verifizieren konnte, wird es schwierig mit dem Kundennutzen. Vorsichtig ausgedrückt wird’s kein “next big thing”. Es wird keinen frohlockenden Aufschrei der Kunden geben, wonach sie schon immer darauf gewartet hätten (ja, das ist eine Anspielung auf eine schwarze Kreditkarte, die zwar so beworben wird, auf die jedoch auch niemand gewartet hat). Hinhalten statt Einschieben + Code wird nur einen marginalen Zusatznutzen bringen. Ich glaube auch nicht, dass es einen Turbo bei den Kleinstzahlungen bringen wird, da die Ablehnung hier nicht aus einem zu langen Bezahlprozeß rührt, sondern dass sich viele Kunden einfach nicht wohl fühlen, für sehr kleine Beträge am POS eine Kartenzahlung zu begehren.
Ehrlich gesagt wage ich zum Teil zu bezweifeln, ob der geringe Grenznutzen die Bedenken und Befürchtungen der Kunden gegenüber der Technologie NFC und der Funktionsweise der contactless payments überwiegt. Die Ankündigung von PSA erregte in diversen Foren ziemliche Diskussionen (Beispiel, Beispiel). Hauptkritikpunkt ist die Sicherheit. Nun, ich bin kein Techniker, aber wer kennt sie nicht die Youtube-Videos, in denen im Handumdrehen die Daten ausgelesen werden. Und dass auf Limits und die Garantie der Banken verwiesen wird, erzeugt auch nicht gerade Vertrauen.
Letztlich geht’s gar nicht darum, ob das Ding sicher ist oder nicht. Wenn das bei einer breiten Einführung erstmal thematisiert und nicht ausreichend erklärt wird, dann wird’s nicht klappen. Nicht zuletzt, weil der zusätzliche Kundennutzen begrenzt ist. Und wenn dann erstmal erste Mißbrauchsfällle auftauchen, dann wir die Haltung der Kunden schnell ablehnend. Und dass in solchen Fällen medial berichtet wird, davon kann man ausgehen (wie z.B. in der Vergangenheit bei Ausfällen der Bankomaten). Schnell ist man in den Hauptnachrichten und vorbei ist das Kundenvertrauen…und die Karten kann man kübeln.
Meiner Meinung nach ist von Zwangsbeglückung abzuraten. Derzeit sollen alle Österreicher mit aktiviertem Paypass ausgestattet werden. Viele werden das gar nicht mitbekommen bzw. bewußt wahrnehmen und laufen dann mit einer funkenden Karte herum. Oje… Auch wenn’s der Verbreitung vielleicht schadet, würde ich das nicht tun, weil man dem Thema damit mehr schaden kann. Ich selbst werde es gewiss ausprobieren, aber dann wahrscheinlich sperren lassen. Mich überzeugt das Angebot nicht und wozu ein Risiko eingehen?
Wer braucht also kontaktlose Zahlungskarten?
Ich denke, dass das jetzt klar ist. Kunden würden meiner Meinung nach diesen Step überspringen und gleich zum Smartphone greifen. Banken und Zahlungsdienstleister müssen jedoch aus strategischen Gründen etwas tun. Das wird langfristig nicht viel bringen, aber kann im besten Fall ein Zwischenstep sein, um im Spiel zu bleiben, wenn die Smartphones tatsächlich zum Wallet werden. Und wenn man dann schon ein NFC-Player ist, haben sie vielleicht eine bessere Position. Echt? Die Kunden müssen bis dahin mitspielen und warten. Ein wirklicher Kundennutzen wird erst mit dem Smartphone entstehen, womit aber nicht meine Bedenken gegenüber NFC schwinden, die auch für das Smartphone gelten. Ich glaube also, dass sich da eine ganz andere Methode durchsetzen wird…
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22. Februar 2013 - 10:38
Hallo Herr Clementi,
vielen Dank für Ihre Gedanken.
Zur Sicherheit: Wenn man sich auf NFC festlegt, dann gilt das natürlich. Allerdings hat man sich hier meiner Meinung nach zu stark auf eine Technologie konzentriert, und die vielen anderen Ansätze, die es weltweit gibt bzw. noch kommen werden, völlig ausgeblendet. Wer sagt, dass am Handy etwas gespeichert sein muss?
Zur Penetration: es ist nachgewiesen, dass die Menschen heute neue Technologien viel schneller annehmen, als je zuvor. Aber richtig, sie muss überzeugend sein. Und klingelt’s jetzt? Es hätte auch bisher schon genügend Möglichkeiten gegeben, NFC zu nützen. Zum Beispiel könnte man seit Jahren in Wien U-Bahntickets damit kaufen. Aber es macht halt niemand. Also wieso soll sich diese Totgeburt jetzt plötzlich entwickeln. Ja, Angebot (bzw. Zwang) schafft auch Nachfrage und Nutzung, aber ich zweifle sehr, dass das ein durchschlagender Erfolg wird. Der Zusatznutzen steht nicht im Verhältnis zur Verunsicherung der Kunden. Aber wir können’s ja bald live sehen….
13. Februar 2013 - 20:40
Sehr geehrter Herr Neumayer,
grundsätzlich gebe ich Ihnen beim Thema NFC schon recht. Sensationell neu ist das nicht. Aber zwei Gedanken noch dazu:
· Sicherheit ist weniger bei den Karten (die Übertragungsprotokolle, die verwendet werden sind maximal abgesichert und nicht mit denen aus z. B. England vergleichbar) ein Thema als bei den Handys. Gerade mit den Spy-Apps ist das ein schwierig zu lösendes Problem. Handys sind fast nie gesichert. Das ist ja auch einer der Gründe, warum man bei den Themen Standardisierung, Sicherheit, etc. im Rahmen der Entwicklung von e-wallets zwischen den Playern Samsung/Apple/Google/MasterCard/VISA nicht wirklich weiterkommt. Die Fragen sind immer: wem gehören die Daten, wo werden sie gespeichert, wer darf was beim Prozess wissen…und ZaDiG gilt natürlich immer, eh logisch.
· Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und deshalb werden neue Prozesse (wie bezahle ich im Geschäft?) sich nur dann durchsetzen, wenn der Kunde einen klaren Vorteil (Zeit, Bequemlichkeit) hat und der Lösung grundsätzlich vertraut. Der Schritt vom Stecken zum Hinhalten ist ein kleiner, bringt aber Geschwindigkeit und in vielen Bereichen Bequemlichkeit. Der Schritt bis zur Bezahlung mit Fingerprint, Handy etc. – diese Technologien gibt es ja schon seit einer halben Ewigkeit – wird sich erst dann durchsetzen, wenn die grundsätzliche Technologie den Menschen aus anderen Lebensbereichen bekannt und vertraut ist. Wirkliche, maximale Bequemlichkeit und Innovation erreicht man meiner Meinung nach nur mehr mit Biometrie. Da brauch ich gar nix mehr außer Finger oder Iris. Wichtig ist meiner Meinung nach, wie die Lösung genau ausschaut, wie anwenderfreundlich sie ist – ob Biometrie, Karte oder Handy ist im Endeffekt egal. Hier gibt es aber viele Punkte anzusetzen…
Ich glaube, dass sowohl Handybezahlung als auch NFC-Karten lange nebeneinander existieren werden.
LG, Christian Clementi