Kommt nun Bewegung in den eher lahmen österreichischen Direktbanken-Markt? Beim zentralen Produkt für die Kundenbeziehung, dem Gehaltskonto, gibt es jetzt eine Alternative zum Marktführer easybank. Das Gratis-Girokonto der direktanlage.at.
Jahrelang war nun die easybank allein, waren alternative Gratiskonten zur easybank durchwegs von der Nutzung eines Sparprodukts oder eines Wertpapierdepots abhängig. Die direktanlage.at bot bisher auch schon ein Gratis-Girokonto an, aber eben nur Nutzung eines dieser beiden Produkte und einem Mindestvolumen darauf. Das hat sich nun geändert und es darf angenommen werden, dass die direktanlage.at damit einen Schritt raus aus der Fokussierung auf Anlageprodukte macht.
Die Features
Auf den ersten Blick ist alles da. Gratis Kontoführung mit allen Buchungen, gratis Maestro-/Bankomatkarte, gratis (Classic-)Kreditkarte, gratis Daueraufträge, etc. Die gratis Kontoführung ist zwar an den Eingang des Gehalts gebunden, aber das ist für ein Gehaltskonto ja auch ok. Die Basisvoraussetzungen, um in den Ring mit der easybank zu steigen, sind also erfüllt.
Auch Online-Banking (no na) und Mobile-Banking sind gratis. Ok. Das scheint klar zu sein. Aber ist einen näheren Blick wert. Das Online-Banking ist jenes, das man von Volksbanken kennt. Schlicht. Einfach. Altmodisch. Ende der 90er-Jahre wäre es gut gewesen. Etwas verstörend sind 2 Menüeeinträge für Girokonto und Sparkonto. Ist das etwa getrennt im Online-Banking mit getrennten Verfügernamen? Nicht nur deshalb fällt das Online-Banking im direkten Vergleich mit der easybank deutlich ab, selbst wenn ich diesbezüglich kürzlich auch das Angebot der easybank kritisierte. Dennoch: ein easybanker würde damit nicht glücklich werden…
Noch weniger attraktiv ist das Mobile Banking. Obwohl die direktanlage.at für das Wertpapiergeschäft eine App anbietet, leitet sie die Girokonto-Nutzer auf eine mobile Website. Für mich und wahrscheinlich für viele andere ist das Grund genug, um sich das erst gar nicht näher anzusehen. Mobile Website im Browser am Smartphone geht gar nicht. Am Tablet ist es vielleicht gerade noch akzeptabel, zeigt aber auch, dass die Macht und Möglichkeiten von mobilen Devices (noch) nicht verstanden wird. Aber wer weiß, vielleicht arbeitet man noch an einer App? Aus meiner Sicht wäre dies mehr als nötig!
Mein Fazit
Jahrelang hat sich am Gebiet des Gehaltskontos praktisch nichts getan. Nun hat die direktanlage.at einen ersten Schritt gemacht, aber hat sicher noch einige Schritte vor sich. easybanker werden jetzt nicht die Bank wechseln. Bleibt die Frage, ob sich Online-Banker von Filialbanken dazu entscheiden können, wo sie doch idR heute mit einem besseren Online-Banking und mobilen Apps besser bedient sind und es – wenn schon – eine rundere Direktbank-Alternative gäbe? Wahrscheinlich würden es am ehesten bereits aktive Kunden der direktanlage.at tun, aber die hätten das Konto doch bisher auch schon gratis bekommen? Da scheint noch viel Arbeit zu warten.
Die direktanlage.at reiht sich mit dem Angebot in das bisherige Bild der auf den Preis fixierten Direktbanken ein. Tatsache ist aber, dass das Preisargument der Direktbanken, allen voran der easybank im Girokonto-Bereich, offensichtlich nicht der Weisheit letzter Schluss war und ist. Sonst hätten sich in den vergangenen 13 oder 14 Jahren deutlich mehr Menschen dazu entschließen müssen, zur easybank zu wechseln. Denn das Potenzial, wie ich in vielen Studien* nachweisen konnte, ist deutlich höher.
Das Angebot der direktanlage.at läßt gerade in jenem Bereich etwas zu wünschen übrig, den ich für die Weiterentwicklung und weiteren Ausbreitung der Direktbanken (aber auch des Online-Bankings bei Filialbanken) als sehr wichtig und entscheidend befinde: der Nutzererfahrung (neudeutsch “User Experience”)*. Diese in den Mittelpunkt zu stellen kann Anbieter über den reinen Preiskampf hinaus bringen. Und dazu beitragen, dass neue Kundengruppen erschlossen werden können.
* meine Einsichten in die relevanten Kundenwünsche, das Direktbankpotenzial sowie meine Ideen zur Direktbank 2.0 bzw. zum Online-Banking 2.0 bespreche ich mit Interessenten gerne in einem persönlichen Gespräch.

